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  1. #1
    Endgegner Avatar von Donluigi
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    Kurzer Exkurs: Vegan hat ja auch viel mit Verzicht auf tierischem aus Respekt vor Lebewesen zu tun.

    Ich hatte letzte Woche das Privileg, an einer Bockjagd teilnehmen zu dürfen. Jagd war für mich schon immer ambivalent. Ich weiß, daß, wenn man Fleisch ißt, dieses idR von toten Tieren kommt. Und ich weiß auch, daß diese Tiere nicht totdiskutiert wurden, bevor sie in eßbare Form gebracht wurden. Aber der Weg vom lebenden Tier zum wohlschmeckenden Gericht ist mittlerweile doch so abstrahiert, daß man als Konsument keinerlei Berührung mit dieser Kette erfährt. Das ist natürlich durchaus im Sinne der Industrie, immerhin will kein Konsument konfrontiert werden mit sterbenden Tieren. Und wenn dieser Zusammenhang fehlt, konsumiert es sich wesentlich sorgloser und ungehemmter.

    Bei dieser Jagd war das nun anders. Ein Revier im Pfälzer Wald, erste rotarische Bockjagd nach der Schonzeit, die für Rehböcke am 1.5. endet. Mit mir ungefähr 10 Jäger und 9 Jagdunerfahrene, wir zogen also im Team jeweils 1 Jäger, 1 Nichtjäger los, um unsere Hochsitze zu beziehen.

    Zu Jägern hatte ich immer ein gespaltenes Verhältnis. Ich kenne diejenigen, die ihren Auftrag als Bewahrer der heimischen Flora und Fauna wahrnehmen und eher als Förster, denn als Jäger agieren. Ich kenne aber auch genügend Redneckdeppen, die in erster Linie geil auf Waffen sind und vermutlich kurz abspritzen, wenn sie endlich mal auf was lebendes schießen dürfen.

    Mein Begleiter war ein sehr ernsthafter, besonnener Mensch, mitte 50, ernst, bedacht, im Leben stehend, Familienmensch, Jäger seit vielen Jahrzehnten. Viel geredet hab ich nicht mit ihm, auf der Jagd soll man leise sein, aber mir hat die Besonnenheit gefallen, mit der er an die Sache ging. Die viele Arbeit, die mit der Jagdverantwortung einhergeht und die Notwendigkeit, in Revieren für Balance zu sorgen, hat er mir unaufgeregt und sachkundig dargelegt. Seine Waffe stammte noch von seinem Vater, ein bildschönes, schlichtes 7*64 Kaliber Jagdgewehr mit steinaltem Zeissglas. Mehr Werkzeug als Waffe. Die 2 Patronen für den Abend holte er ganz leise und fast andächtig einzeln, Stück für Stück aus dem Futteral und legte sie auf die Ablage des Hochsitzes, bevor er sein Gewehr damit lud.

    Wir saßen etliche Stunden im Hochsitz, den Blick gebannt auf eine kleine Lichtung und ein etwa 50 Meter entferntes Dickicht. Es ist ja einerseits ganz leise, weil man keinerlei Zivilisationsgeräusch hört und andererseits ohrenbetäubend laut, weil die Vögel einen Mordskrach machen und auch der Wind gehörig durch die Blätter rauscht. All das nimmt man irgendwann verstärkt wahr, sodaß man fast ein wenig erschreckt, wenn auf einmal eine Handvoll Rehe leise und unhörbar unter unserem Hochsitz auftauchen. Ganz ruhig, fast schwebend, ganz gespannt, auf jedes Geräusch achtend. Eines nahm mich wohl wahr, als ich meinen Feldstecher etwas zu schnell hoch nahm und weg waren sie. Eine halbe Stunde später kamen sie wieder. Mein Jagdbegleiter hatte mich angewiesen, im Falle eines Schusses meinen Mund zu öffnen und meine Ohren zuzuhalten. Als er sein Gewehr hochnahm, tat ich just das. Mein Herz schlug bis in die Fingerspitzen.

    Abends, so gegen 22 Uhr kam die Jagdgesellschaft wieder zusammen. Insgesamt wurde von 20 Menschen in 3 Stunden 1 Bock erlegt. Ein kleines, aber schönes Tier, vielleicht 2 Jahre alt. Dieser lag nun auf einer kleinen Wiese, die Jäger nebst Hunden drum herum. Dem toten Tier wurde mit 3 Jagdhörnern ein Salut geblasen, dann endete die Jagd. Das Tier wurde vor aller Augen aufgebrochen und entweidet, die Innereien bekamen die Hunde, die sichtlich hin und hergerissen waren zwischen dem antrainierten Zwang, zu parieren und der karnivoren Lust auf das frisch aufgebrochene Reh. Die Leber wurde separat entnommen. Die Hunde bekamen ihren Tribut.

    Die Leber wurde später mit Zwiebeln und Äpfeln gebraten und unter der Jagdgesellschaft verteilt.

    Ich hasse Innereien. Früher habe ich sie gern gegessen und später, als der Kopf ins Spiel kam und ich wußte, was eine Leber ist, nie mehr. Frage also ganz konkret nun: essen oder nicht? Ich hab sie natürlich gegessen. Zum einen, weils schlichtweg dazu gehört; zum anderen aus der Erkenntnis, daß ich vermutlich noch nie so frisches und reines Fleisch gegessen habe. Sie schmeckte köstlich.

    Und jetzt eben die Frage, die mich seitdem beschäftigt. Als der Jäger den Bock ins Visier nahm, war ich kurz versucht, laut zu husten oder irgendwas "Huch! Versehen! Dummes, dummes Ich!" in der Art zu tun. Aber müßte man das dann nicht immer tun? Müßte man dann nicht immer intervenieren, dazwischengehen, sich empören? Und ist das möglich?

    Oder ist das der hunderttausendjahre alte bewährte Kreislauf, der hier eben sehr direkt, sehr archaisch und sehr konkret gelebt wird? Klar, wir haben das Gewehr, insofern ist der Wettbewerb ein *klein* wenig verzerrt, aber hier ist die Situation immerhin 1:1, keine Debatte über Gehegegrößen, Mastnahrung, Medikamente und Krankheiten. Kein Überfluß, kein unbedachter Konsum - und definitiv keine Verachtung in Bezug auf das Opfer. Ich hab nix gemacht und bin auch froh drum, im nachhinein wäre das wohl eine ziemlich peinliche Aktion gewesen.

    Das Reh wurde nahezu komplett verwendet, kein Stück ist übriggeblieben, nichts wurde verschwendet, alles wurde verwendet. Sollte die Jagd, als ernsthaftes und anstrengendes Metier verstanden, am Ende die veganste Form sein, Fleisch zu sich zu nehmen?

    Ich glaub, ich werd 2015 mal mit dem Jagdschein anfangen.
    Beste Grüße, Tobias

    Warum hat unser Baby 1 Schnitzelkopf?

  2. #2
    Double-Red Avatar von Nixus77
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    Zitat Zitat von Donluigi Beitrag anzeigen
    Das Reh wurde nahezu komplett verwendet, kein Stück ist übriggeblieben, nichts wurde verschwendet, alles wurde verwendet.


    So eine Aktion finde ich extrem wichtig, danach lernt man das Fleisch viel eher zu schätzen
    Gruß Toan

  3. #3
    PREMIUM MEMBER Avatar von mojohh
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    Schöner Beitrag.

    Zitat Zitat von Donluigi Beitrag anzeigen
    Ich kenne aber auch genügend Redneckdeppen, die in erster Linie geil auf Waffen sind und vermutlich kurz abspritzen, wenn sie endlich mal auf was lebendes schießen dürfen.
    Genau so einen Arbeitskollegen habe ich auch. Wir hatten sogar heute mal wieder das Thema Jagd.

    Spoiler Spoiler:


    Dass Fleisch nicht aus dem Fleischautomaten kommt, ist mir auch klar, aber der Typ ist doch nicht normal.

    (Permanent) Vegan ist für mich keine Option, da ich nicht auf Milchprodukte verzichten möchte.

    /Leif

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