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    Freccione Avatar von Street Bob
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    Themenstarter
    Schon als kleiner Wachtmeister entwickelte ich einen gewissen Hang zum Personal. Das hatte einen Grund:

    In der Kaserne mit fast 600 männlichen Polizeischülern rühmten sich einige der Alpha-Männchen gern mit ihren Connections. Lollo (Lothar) wurde bewundert, weil er mit dem Sohn des Leitenden Polizeidirektors zur Realschule gegangen war, Juppi war der jüngere Bruder unseres Strafrechtspapstes, Helmuts Vater war auch Polizist, and so on. Mit derlei Connex konnte ich leider nicht glänzen. Ich war als Jüngster ein kleines Licht und kannte keine Sau. Doch schon nach wenigen Wochen erkannte ich, dass diese Verbindungen für mich ebenso spektakulär klangen, wie sie nutzlos waren. Mit den Angestellten und Arbeitern (später: "Lohnempfänger") nämlich, die zahllos und beinahe unbemerkt auf dem riesigen Kasernengelände in Kitteln und Blaumännern ihre Dienste verrichteten, rühmte sich niemand. Das waren einfach nur "Ameisen". Nur die Herren Beamten waren die echten Helden!

    Nach etwa einem Monat schien sich das Blatt der Bedeutungslosigkeit für mich zu wenden: der Spieß höchstpersönlich ließ mich per Lautsprecherausruf im Geschäftszimmer antanzen. Owei! Schnell noch die Dienstschuhe an den Waden blank gerieben und zitternd hinein in die Höhle des Löwen! Einen Anschiss erwartend fand ich nach Gruß und Meldung einen für seine Verhältnisse wohlgelaunten Spieß (PHM und "Innendienstleiter") vor, der mein Personalblatt in der Hand hielt: "Wachtmeister H. - ich entnehme Ihrem Personalbogen, dass Sie gern zeichnen! Stimmt das?"

    Hatte ich Idiot das wirklich in mein Personalblatt geschrieben? Was ich tatsächlich gern mit meinen Jungs aus dem Keller an den Wochenenden tat, hätte ich unmöglich unter "Hobbys" in meine Selbstauskunft schreiben können. Während ich also noch überlegte, was der Kerl wohl wolle, anwortete ich knapp: "Jawoll, ich zeichne aber nur Autos und Motorräder" (das stimmte übrigens, in Unmengen, allerdings nur während des Unterrichtes).

    "Das ist ja wunderbar!" frohlockte PHM Taschowsky, genannt "Tacho", launig. Eine Minute überreichte er mir wohlwollend einhundert Blanko-Urkunden für das Deutsche Sportabzeichen, dazu eine Namensliste meiner Hundertschaft, einen Fineliner und eine Schreibschablone, und ich durfte wegtreten. "Bis morgen!" rief er mir noch nach. Ich kam mir vor wie der Zauberlehrling. Dieser Mist, den auch jeder andere Blödmann hätte erledigen können, kostete mich sechs Stunden meiner Freizeit !

    Meine Stubenkollegen lachten sich halb tot über meine Doofheit und traten die Geschichte sofort in der Polizeikantine breit, während ich die Liste auf der Stube abarbeitete. Was aber niemand ahnte: hieraus ergab sich ein Folgeauftrag!!! Kantinenpächter "Opa" Potthoff, dessen Schwiegersohn der stellvertretende Abteilungsführer war, und der das Thekengelächter über mein Unglück mitbekommen hatte , beauftragte mich einvernehmlich mit dem Anfertigen einer neuen Speisekarte in DIN A3. Hierfür gab er mir satte 80 DM und dazu ein Jahr lang das erste Bier gratis!!! Das war für mich viel Geld, hatte ich doch im ersten Jahr mein Gehalt zuhause gegen Taschengeld abgeben müssen.

    So erkannte ich schnell, dass für eine gute Connection Anzahl und Farbe der Sternchen auf Uniformschultern unwichtig war. Als nächstes ließ ich mich in den "Verpflegungsausschuss" wählen, in den sonst keiner wollte. Unbezahlte Zusatzaufgabe halt, aber bestimmt für irgendetwas gut.

    Die Küchendamen waren allesamt älter als meine Mutter, und ich war schnell ihr Liebling ("Der Schweinepfeffer war aber wieder sooo lecker, Frau Backes"!). Selbst die Capos ("Unterführer") wunderten sich noch lange, warum ausgerechnet der milchgesichtige Knabe aus Mönchengladbach beim Essen fassen immer zwei Koteletts auf dem Teller hatte! Mein Spind war voll mit den begehrten Joghurts, und ich hatte jeden Monat mindestens eine oder zwei Flaschen Rum für lau, die normalerweise für den "Tee mit (Spuren von) Rum" vorgesehen waren, den es nach Einsätzen oder langen Märschen aus der Feldküche gab.

    Die beiden Arbeiter der Kleiderkammer waren ältliche, wortkarge Gesellen. Ihre einzige Abwechslung war ein Aquarium mit vier Goldfischen, neben dem ein Sparschwein stand. Sie wurden von den Herren Beamten noch nicht einmal ignoriert. Ab und an schaute ich dort vorbei und unterhielt mich mit ihnen, anschließend wanderten fünfzig Pfennig in die Fischkasse. Nach nicht einmal drei Monaten war ich stolzer Besitzer einer gebrauchten, ledernen Kradkombi einschließlich Römer-Helm und Stiefeln, obwohl ich noch gar keinen Führerschein hatte, und einer Polizeireiter-Hose mit Rehlederbesatz, den mir meine Freundin später auf meine Wrangler nähte, als ich mir die erste gebrauchte, brandheiße Yamaha RD 350 leisten konnte. Cool! Und auch diese Jungs kannten gute Geschichten.

    Dieser Hang zum Personal wurde mir jetzt, nach mehr als vierzig Jahren, beinahe zum Verhängnis. Wenngleich als Testassistent wieder am unteren Ende der Nahrungskette einsortiert halte ich doch immer noch Augen und Ohren offen. Nach dem Dacia-Erlebnis im Büro auf den nächsten Einsatz wartend, hörte ich ein Gespräch zwischen unserer Disponentin und der Chefsekretärin über den doch mäßigen Maschinenkaffee in der Redaktion mit. Die Chefsekretärin, Hannah, kannte ich nur vom Sehen. Sie entspricht nicht dem üblichen Klischee, sie arbeitet nur. Wenn ich meine Spesenabrechnung dort ins Körbchen legte, blickte sie immer nur knapp von ihrer Arbeit auf.

    Im Verlauf des Gespräches der beiden Damen erklärte Hannah weiter, ihr Lieblingskaffee sei der Latte mit fettarmer Milch von McDonalds, und sie würde einiges darum geben, wenn es einen solchen auch im Hause gebe. Ohne zu wissen, was dies wohl bringen möge, halte ich also zwei Stunden später auf dem Rückweg von Jaguar Neuss im flammneuen RS4 beim nahen Mäckes und ordere einen Latte. Alex übernimmt das Steuer und stellt die Karre sofort auf - sagen wir "Racing". O-Ton: "wegen dem Sound". Ich sitze auf dem Leder-Alcantara-Beifahrersportsitz, fast auf dem Boden, mit dem doofen Becher in der Hand. Alex lässt die Kuh fliegen. Tolles Auto, der RS 4.

    Gleich beim ersten Kanaldeckel schlägt es mir den Becher aus der Hand. Ich kann ihn noch schnappen, ein Teil der braunen Brühe ergießt sich auf Sitz, Carbon-Lüftung und Velours-Teppich. Sofort weht ein eiskalter Wind durch meinen Arbeitsvertag! Alex, ganz Kumpel, bekommt einen tierischen Lachflash, während ich mir fast in die Hosen mache: Ich habe das Erste Gebot gebrochen: keine Speisen, Getränke oder Kippen in Testfahrzeugen.

    Und dann das Wunder: Alex hält am Fahrbahnrand, und ich fingere zwei Papierservietten aus der Jacke. Nach zwei Minuten sind alle Spuren des Desasters beseitigt. Was für eine Imprägnierung!

    Mit dem Becher in der Hand betrete ich das Chefsekretariat und überreiche ihn Hannah, mit der ich zuvor nie sprach. Wahrscheinlich zum ersten Mal nimmt die deutlich gestresste Frau mich bewusst wahr. Und freut sich sichtlich über die kleine Geste, die ich mit "mein kleiner Einstand" erkläre. Wir kennen uns nun. Wer weiß schon, wozu das einmal gut ist.

    Ich vergesse niemals die Leisen, die Grauen und die Unscheinbaren. Sie zusammen sind eine Macht. Und ein wenig Zuwendung kostet nichts.
    Geändert von Street Bob (22.02.2018 um 10:04 Uhr)
    Gruß Lou

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