Weil das jetzt ein paar mal durchklang, wie man in solchen Unternehmen überhaupt guten Gewissens arbeiten kann:
Dafür gibt's nur einen einzigen Weg, meiner Meinung nach: Man überschaut die Folgen dieser Management-Politik nicht. Ich würde auch behaupten, dass das bei neun von zehn so ist. Das, was mein Chef sagte, dass es doch gut für uns alle und damit fürs Unternehmen sei, ist mit Sicherheit eine weit verbreitete Meinung, an die auch fest geglaubt wird.
Mit den gleichen Tricks, mit denen man die Analysten behumpst, kann man auch viele Mitarbeiter ruhig stellen: Das Unternehmen wächst rasant, ist profitabel, der Kurs steigt. Besonders letzteres ist geil, weil man vorher die Mitarbeiter mit Aktienplänen selbst zum Teilhaber gemacht hat. Dass dann plötzlich Kollegen wegrationalisiert werden, obwohl sie sicher nicht auf der faulen Haut lagen und eine konkrete Aufgabe hatten, Entwicklungsbudgets schrumpfen und die Zahl der Support-Eskalationen wegen unzufriedener Kunden genauso rasant steigt, wie das eigene Umsatzziel, sind Entwicklungen, die die wenigsten in Zusammenhang mit der vordergründig positiven Geschäftsentwicklung bringen. Ohne mich beweihräuchern zu wollen würde ich behaupten, dass die absolute Mehrzahl diese Folgen nicht überschaut.
Ich habe auch einige Jahre gebraucht. Anfangs denkt man, wenn sich langfristig etwas als Schuss in den Ofen rausgestellt hat, dass halt jeder mal Fehler macht, auch das eigene Management. Beim zweiten Mal überlegt man sich, warum die Lernkurve beim Management so flach ist. Man steigt weiter auf, bekommt vielleicht Personalverantwortung oder (der neuste Schrei!) ein virtuelles Team, d.h. man ist für den Erfolg des Teams verantwortlich, ist dem Team ggü. aber nicht weisungsbefugt. Dann lernt man die Praktiken der Personaler kennen.
So langsam dämmert einem, wo die Reise hin geht und irgendwann kann man die Folgen einigermaßen abschätzen.
Dann kann man tatsächlich in solchen Unternehmen nur noch unter höchster emotionaler Anstrengungen und Ausbeutung arbeiten.
Ich sage es ganz offen: Mein Leben ist aufgrund meiner Arbeit ziemlich freudlos. Mangels Erfüllung und dank damit einhergehender Abstumpfung verliert man den Spaß an Hobbies, kann sich über Erfolge im Job nicht mehr freuen, bricht Kontakt zu Freunden ab, weil man einfach nicht mehr die Energie oder die Muße hat sich mit anderen Menschen zu Umgeben.
Dann gibts zwei Möglichkeiten:
1.) man lernt damit umzugehen, macht ne Therapie, bevor der Burnout endgültig zuschlägt (die Unternehmen zahlen das in der Regel oder haben sogar eigene Seelsorgerdienste). Und dann geht's weiter, bis das Unternehmen abgegrast ist.
2.) oder man sucht zügig den Ausstieg, so wie ich. Das ist jedoch die viel schwierigere Wahl. Neuen Job finden in Unternehmen, die nicht diese Züge haben, allein das ist schon schwer. Schwer reinzukommen, wenn man aus so einer ganz anderen Branche oder auch innerhalb der Branche von so einem ganz andern Unternehmenstyp kommt. Dann natürlich das Geld. Daran scheitert es bei den meisten. Ich bin zum Glück eher enthaltsam und brauche nicht so viel, wie ich verdiene. Porsche und andere Spinnereien habe ein ich hinter mir - brauche und möchte ich nicht mehr. Das Auto war emotionale Belastung für mich. Andere sehen das anders, haben in meinem Alter richtig schicke Häuser gekauft, drei Kinder bekommen und die Frau arbeitet nicht, weil man es sich ja leisten kann.
Ich habe zum Glück all diese Hürden nicht und mein Ziel ist daher ganz einfach: baldmöglichst wieder in meinem Ausbildungsberuf im klassisch mittelständischem Maschinenbau unterkommen. Dass sich mein Gehalt dabei im glücklichsten Fall halbiert, vielleicht sogar drittelt, bin ich bereit in Kauf zu nehmen. Ingenieure nagen nun auch nicht gerade am Hungertuch und ich habe meinen Lebensstandard zum Glück gar nicht erst so hoch geschraubt.
Aber das braucht Zeit. Wieder Kontakte knüpfen, wieder vorstellen, überhaupt erst mal klar darüber werden, was man wil. Da vergeht einiges an Zeit. Vorallem, wenn man nicht zum Umziehen bereit ist, sonder auch weiterhin in der Heimat bleiben möchte.
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Thema: Corporate Governance
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24.09.2015, 09:49 #11PREMIUM MEMBER
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