zum "Gänsehaut-Feeling":

Viele Forumsmitglieder waren damals noch sehr jung, darum erzähle ich nun
hier, wie ich diesen Wahnsinnstag erlebt habe.

Zum Abendessen lief die Pressekonferenz mit Schabowski im Fernsehen.

Nachrichtensendung waren in diesen Tagen immer an, der Empfang
von ARD, ZDF, HR3 und BR3 war brilliant und in Farbe.

Als er fertig war mit seinem etwas gestammelten Vortrag, schauten
meine Frau und ich uns an und waren erst einmal sprachlos.

So richtig geschnalllt hatten wir das in den ersten Minuten nicht.

Nach und nach berichteten alle Kanäle, das "sofort und unverzüglich" das
neue, langersehnte Reisegesetz in Kraft getreten sei.

Ich fuhr gegen 21 Uhr auf der Landstraße in Richtung Creuzburg, die ein Stück parallel
zur Autobahn Eisenach - GÜSt Herleshausen verläuft.

Man konnte in der Dunkelheit am Horizont die Scheinwerfer der Kontrollstelle sehen,
auf der Autobahn war ganz wenig Verkehr.

Also wieder heim und Nachrichten geschaut.

So nach und nach kam in Berlin die Grenzöffnung in Gang und wir gingen ins Bett.

Meine Arbeit am Freitag begann wie immer um 6 Uhr.

Es gab nur ein Thema in der Firma: Die Grenzen sind auf!

Ich war bis dato schon 5 oder 6 mal in der Bundesrepublik bei Verwandten gewesen,
anlässlich der Beerdigung meines Onkels sogar mit dem PKW.

Am Freitag-Morgen habe ich dann meine Mitarbeiter gefragt: "Wer von Euch war noch
nie im Westen?" Im PKW Wartburg 353 sind fünf Plätze.

Ich sagte: "Wir fahren jetzt mal rüber!"

Vier Mitarbeiter und ich sind gegen 6.45 Uhr die vier Kilometer bis zur
Grenze gefahren. Es war allerhand Betrieb, aber nicht dramatisch.

Nach 45 Minuten Wartens in der Schlange erhielten wir die Zählkarten und
haben wahrheitsgemäß die mitgeführten Reisezahlungsmittel angegeben.

So hieß das damals.

Etwa 200 Mark Ost und 7 Mark West brachten wir zusammen.

Dann wurden unsere Personalausweise eingesammelt und es kam ein fetter
zweifarbiger Stempel über das Passbild. Das war ungewöhnlich.

Die "Grenzer" waren recht locker, eigentlich seltsam gleichgültig.
Es gab keine strengen Kontrollen.

Und dann ging es nach Herleshausen. Dort war es sehr ruhig, kaum Leute
unterwegs. Wir sahen eigentlich nur ein Kamerateam, das noch im Bereich
der Autobahn gedreht hatte.

Dann haben wir eine Zigarette geraucht und sind wieder nach Hause gefahren
an die Arbeit.

Ich werde diesen Tag nie vergessen.