Vielen Dank all denen, die auf meine Frage geantwortet haben, für Eure interessanten Kommentare. Und nun wie versprochen die Auflösung, dies wird allerdings eine etwas längere Geschichte. Wer also keine Geduld hat, der möge gleich nach unten scrollen, versäumt dann allerdings das eine oder andere "Highlight".

Ich hatte bei eBay gestöbert und bin über die gezeigte Auktion gestolpert. Das Zifferblatt der Uhr gefiel mir (recht viel mehr war ja ohnehin nicht zu erkennen), die Auktion war kurz vor dem Ende und ich habe (erster Fehler?) einfach ein Gebot abgegeben. Ich wurde sofort von einem Bietagenten überboten, und das war's für mich. Zumindest bis zum nächsten Tag, denn da erhielt ich ein Mail vom Verkäufer. Der Höchstbieter könne erst in einigen Wochen bezahlen, was er nicht akzeptieren wolle, und ob ich noch am Kauf der Uhr interessiert sei.

Dies habe ich grundsätzlich bejaht (zweiter Fehler?) und um seinen Namen, Anschrift, Telefonnummer, Referenz der Uhr, vollständige Gehäusenummer und nähere Angaben zu der erwähnten Werksrevision gebeten. Die Antwort kam recht zügig, enthielt alle gewünschten Angaben, zusätzlich noch die Nummer des Werks und das Angebot einer persönlichen Übergabe. Zur Revision wurde mir erklärt, sie sei von einem Uhrmacher bei einem bekannten Konzessionär (ich nenne den Namen nicht um hier niemanden zu diskreditieren, s.u.) nach Feierabend gemacht worden. Es gebe daher keine Rechnung, dafür aber die Zusage einer Garantie von einem Jahr auf das Werk. Dies und ein kurzes Telefonat wirkten doch vertrauensbildend, dachte ich, und bestätigte den Kauf (dritter Fehler?).

Zwischen meiner Zahlung und der Lieferung verging ungebührlich viel Zeit und es soll hier nur erwähnt werden, daß ein Mail mit einer Anfrage nach dem Verbleib der Uhr mit der Fehlermeldung "Teilnehmer existiert nicht" von T-Online quittiert wurde. Ich hatte Geld und Uhr schon unter "Lehrgeld" abgebucht, da kam ein Paket an. Es war reichlich überdimensioniert und derart mit Luftpolsterfolie ausgestopft, daß selbst ein rohes Ei die Reise schadlos überstanden hätte. Darin wieder ein Karton mit weiterem Polstermaterial, und darin dann tatsächlich die Uhr. Und so sah sie aus:





Eine erste äußere Inspektion ergab: Das angekündigte und mitgelieferte Lederband wanderte samt Schließe direkt in den Müll. Das Gehäuse mit akzeptablen Tragespuren, jedoch ohne Schrammen oder Macken, wohl auch schon mal poliert, aber nicht heruntergeschliffen; das Glas ohne Kratzer oder Absplitterungen; die Krone in Ordnung aber keinesfalls neu; das Zeigerspiel in Ordnung; das Zifferblatt nahezu makellos, die Lünette etwas herunterpoliert aber insgesamt noch ansehnlich. Etwas irritiert haben mich ein paar Flusen auf dem Zifferblatt, auch schien die Lünette nicht wirklich fest zu sitzen. Es hatte also offenbar tatsächlich in jüngster Zeit jemand an der Uhr hantiert, aber ebenso offensichtlich nicht wirklich professionell. Das Werk ließ sich leicht aufziehen und stellen und lief geradezu beängstigend genau (über drei Tage gerade mal zwei Sekunden Abweichung). Dies ließ mich wieder Hoffnung schöpfen und ich gab die Uhr zu meinem Hausuhrmachermeister zur weiteren Kontrolle.

Hier die Diagnose: Alle Teile sind original, das Werk ist wohl nicht revisioniert worden, aber dennoch in einem sehr guten Zustand; einzig das Rotorlager hat geringfügig Spiel und wird wohl irgendwann erneuert werden müssen. Der Boden ist auf der Innenseite außerhalb des Gewindes korrodiert, ansonsten aber in Ordnung und dicht. Die Lünette flog bei der Wasserdichtigkeitsprüfung allerdings förmlich davon; sie wurde durch UHU notdürftig an ihrem Platz gehalten, die Glasdichtung war zu nichts mehr zu gebrauchen.

Und nun zur Therapie: Gehäuse und Lünette gereinigt und ganz leicht poliert, neue Glasdichtung eingesetzt, Dichtungen für Boden und Krone erneuert, Zifferblatt von Fusseln befreit, ein noch vorhandenes Armband montiert, mehr wollte ich nicht investieren. Hier das Ergebnis:









Ich will demnächst versuchsweise ein Jubileeband montieren und dann vergleichen, momentan gefällt mir die Kombination mit dem Lederband allerdings recht gut.

Fazit: Wie neulich in einem anderen Thread jemand sehr zutreffend bemerkt hat, es gibt bei eBay keine Tausender aufzusammeln. Wenn man Glück hat, kann man eine Uhr (deutlich) günstiger bekommen als beim Händler oder auf den Börsen; solche "Gelegenheiten" sind allerdings mit einem (nicht unerheblichen) Risiko behaftet. Wer bei dieser Auktion nicht geboten hat, der hat auch nichts verpaßt. Die Uhr ist kein Sammlerstück und war auch nicht wirklich ein Schnäppchen. Sie ist aber (inzwischen) technisch in Ordnung und auch vorzeigbar, eine Alltagsuhr zu einem erträglichen Preis.

Ich bin also wohl mit "einem blauen Auge" davongekommen. Immerhin wurde tatsächlich geliefert, die Uhr war kein Fake, nicht sandgestrahlt oder sonstwie mißhandelt. Davon können andere Forumskollegen ("bochum", "walti") ja ein Lied singen.

Jetzt seid Ihr wieder dran. Wie findet Ihr die Geschichte und die Uhr? Wenn's geht bitte ohne Grundsatzdiskussionen zum Thema SS/GG.

Dank Euch und noch einen schönen Abend!