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    GODFATHER Avatar von Mawal
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    Jakobsweg 2025: 860km durch Frankreich und Spanien

    Strecke

    Ich war im Juni und Juli wieder auf dem Jakobsweg unterwegs. Letztlich bin ich sehr ähnlich wie letztes Jahr gegangen. Ich startete in St. Jean-Pied-de-Port, dem offiziellen Beginn des Camino Francés, bis nach Santiago de Compostela und dann weiter nach Muxía an die Atlantikküste.

    Insgesamt 860 km und 15.000 Höhenmeter rauf und runter. Dafür habe ich 34 Tage gebraucht.

    Mein Plan für 2025 war anders. Ich wollte im Frühjahr die 1.050 km lange Vía de la Plata von Sevilla aus nach Santiago gehen. Aber wie sagt Mike Tyson: "Everyone has a plan until they get punched in the mouth."

    Die Vía de la Plata kommt dann also nächstes Jahr.

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    Ausrüstung

    Für mich war, nachdem ich letztes Jahr zurück in Berlin war, schnell klar: „Nach dem Jakobsweg ist vor dem Jakobsweg.“
    Entsprechend habe ich meine Ausrüstung über das Jahr optimiert. Filigrane Nordic-Walking-Stöcke habe ich gegen robustere und faltbare Hiking-Stöcke getauscht. Ansonsten habe ich viel weggelassen und bei allen Sachen das Gewicht optimiert: UL-(Ultraleicht-)Rucksack, UL-Daunenschlafsack, Flasks statt Flaschen, UL-Poncho statt Regenjacke und Rucksack-Cover. Im Ergebnis war mein Rucksack gut 2,5 kg leichter.

    Hier und da habe ich auch übertrieben. Kleineres Handtuch – super, fast 100 Gramm Gewicht gespart, und sehe dafür aus wie Tarzan mit Lendenschurz, wenn ich aus der Dusche komme. Das nächste Mal lieber wieder ein größeres Handtuch.

    Aber insgesamt war ich nicht nur leichter unterwegs, sondern auch vom Start an viel besser ausgerüstet. Eine Anregung aus diesem Camino, die ich von den asiatischen Pilgern mitnehme: sehr dünne, langärmelige UPF-50-Shirts, um sich gegen die Sonne zu schützen.

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    Der erste Tag

    Ich bin von St. Jean-Pied-de-Port aus losgelaufen. Also die härteste Etappe am ersten Tag: Überquerung der Pyrenäen mit 24 km – 1.400 Höhenmeter rauf und dann 500 Höhenmeter wieder runter. Das Wetter war super, tatsächlich zu gut: Sonnenschein und Hitze. Ich merke schnell: Das wird anstrengend. Mein Puls rast und ich bin deutlich langsamer als beim letzten Mal. Kein Wunder, ich habe ein paar Kilo zugenommen und bin in weit weniger guter Form. Und der Berg verzeiht nicht.

    Aber ich bringe etwas anderes mit: Gelassenheit und Erfahrung. Ich kenne den Berg, ich kenne mich. Ich wähle ein Tempo, das ich gut durchhalten kann, nur kurze Pausen, wenig Smalltalk mit anderen Pilgern.

    Und so schaffe ich es tatsächlich bis zum Gipfel. Der Weg runter ist eher rustikal, das hat mich beim letzten Mal viel Schweiß und Kraft gekostet. Das geht diesmal viel besser. Und es ist eine bleibende Erfahrung: In schwierigem Terrain bin ich deutlich schneller und sicherer. Es ist also nicht alles schlechter diesmal.

    Erschöpft und zufrieden erreiche ich die Albergue in Roncesvalles, ein umgebautes Kloster mit über 200 Schlafplätzen. Einchecken dauert ein bisschen, viele US-Boomer sind mit dem Generieren des QR-Codes völlig überfordert. Erschöpfte und frustrierte Karens und Kens in rebellischer "I need to speak to the manager"-Stimmung. Die niederländische Rentner-Crew, die als Freiwillige Roncesvalles auch dieses Jahr wieder managen, beharrt mit stoischer Fröhlichkeit: Kein QR, kein Bett. Am Ende klappt alles für alle. Ich hatte den QR-Code schon in Berlin erstellt. Es lohnt sich halt, E-Mails zu lesen, auch wenn sie auf Spanisch sind.

    Ich hatte diesmal ein Pilgeressen gebucht. Am Tisch Menschen aus Malaysia, Taiwan, Frankreich, Italien, Spanien und Kanada. Ich bin mit rund 20 Jahren Abstand der Älteste am Tisch.

    Dann geht es ins Bett – morgen geht es früh weiter.

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    Alltag

    Ich bin jeden Tag woanders und schlafe an unterschiedlichen Orten. Und doch habe ich schnell eine feste Alltagsroutine.

    Mein Tag beginnt um 5.00 Uhr. Aufstehen, packen, anziehen, nichts vergessen und raus aus dem noch dunklen Schlafsaal, in dem viele noch schlafen. Meine Uhr hat eine integrierte Taschenlampe mit Rotlicht. Das stellt sich als eines der wichtigsten Features der Uhr heraus.

    Dann Zähneputzen und Rucksack ordentlich packen, Wasser auffüllen. Wenn die Albergue eine Küche hat, kann ich mir Kaffee kochen und essen, was ich am Vortag übriggelassen habe – meist Käse, Lomo (geräucherte Schweinelende), griechischer Joghurt und Erdnussmus. Hauptsache Eiweiß und Fett, das hält mich lange satt.

    Und dann heißt es: Sandalen gegen die Trailschuhe tauschen, Stirnlampe raus und los geht’s. Gegen 6 Uhr bin ich unterwegs. In den ersten Tagen wurde es da gerade hell, später laufe ich in die dunkle Nacht.

    Ich versuche morgens so schnell wie möglich viel Strecke zu machen, gerade wenn ich am Tag 30 km oder mehr gehe. Erster Kaffee nach zwei Stunden, dann sind die Bars auch offen. Ich esse wenig unterwegs: Toast, Eier, Bananen, gelegentlich Kuchen – und Hauptsache Kaffee.

    Gegen 13.00–14.00 Uhr treffe ich an meinem Ziel ein. Meist schlafe ich im Schlafsaal einer Pilgerherberge. Also: Einchecken, Bett finden, Bett machen, duschen, frische Klamotten anziehen, Wäsche waschen, aufhängen, kurz ausruhen, einkaufen, essen, den nächsten Tag planen, wenn es nicht zu heiß ist, ein wenig Sightseeing, Tagebuch schreiben, mit anderen Pilgern plaudern, Musik oder Hörbuch hören, Wäsche abhängen, Geräte aufladen, packen, Schlafbrille und Ohrstöpsel – schlafen. Und am nächsten Tag geht es genauso weiter. Täglich grüßt das Murmeltier.

    Alle paar Tage nehme ich mir ein Einzelzimmer in einer kleinen Pension oder einem Hotel, um mal die Tür hinter mir schließen zu können oder der Einzige im Bad zu sein.

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    Ich habe Menschen getroffen

    E. aus Kroatien treffe ich am Bahnhof in St. Jean-Pied-de-Port. Sportlehrer, Mitte 30, überlegt, ob er endgültig ins bürgerliche Lager wechseln soll und heiraten oder nochmal ganz was anderes macht. Die nächsten 20 Tage treffen wir uns jeden Tag, oft schlafen wir in der gleichen Unterkunft. Ich treffe E. am Ende meiner Reise wieder und ja – er wird seine Freundin heiraten.
    J. und K., Schwestern aus den USA, beide Studentinnen, die den Camino aus religiösen Gründen gehen und genau wissen, welcher Pilger gerade wo unterwegs ist.
    C., Musiklehrerin aus Mailand, die Geige spielt, oft vor mir losgeht und nach mir ankommt, weil sie sich verläuft.
    S. aus Neuseeland, Professor in den USA, trauert um seinen verstorbenen Ehemann.
    M., Filmemacherin aus Spanien und aus einer Beziehung mit viel Gewalt kommend.
    K., ein buddhistischer Ü60-Hippie aus Dänemark, der nach Spanien gezogen ist und nun eine Albergue betreibt.
    C., eine Studentin aus den USA, die in einer Gruppe reist und zwischen Schmerz über ihre Vergangenheit und Zuversicht in ihre Zukunft hin- und herpendelt.
    Vieles, was im Alltag trennt wie Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung, Nationalität usw. spielt auf dem Camino keine Rolle. Man setzt sich zu wildfremden Menschen an den Tisch und beginnt ein Gespräch.
    Den kompletten Camino wandern im Wesentlichen die Studenten aus Neugier und Lebenshunger sowie Mittdreißiger, in beruflicher oder persönlicher Krise. Und dann wieder Ü60 nahe am oder im Ruhestand, mehr in kontemplativer Gelassenheit. Das Alter dazwischen geht meist nur 1–2 Wochen, der Alltag hat sie fest im Griff.

    Es ist ein ziemlich internationaler Haufen aus Spanien, Italien, Frankreich, USA, Großbritannien, Kanada, China, Südkorea und Taiwan. Ich spreche Englisch, Französisch und Spanisch – damit komme ich gut durch.

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    In no great hurry

    "In no great hurry" wird zum Motto dieses Camino. Es ist wie eine geliebte Fernsehserie zum zweiten Mal sehen. Der Plot ist klar, viele Nuancen offenbaren sich erst beim zweiten Sehen.

    Nach dem anstrengenden ersten Tag halte ich mich zurück und gehe Standardetappen zwischen 20 und 30 km. Ich widerstehe der Versuchung, Tempo zu machen. Erst als ich nach über 20 Tagen das Gefühl habe, soweit zu sein, laufe ich länger und schneller. Stressverletzungen und Schmerzen wie beim letzten Mal bleiben mir erspart. Das wird den ganzen Camino so bleiben. Ich brauche keine einzige Schmerztablette und keine Bandagen. Und mit der äußeren Anspannung geht auch die innere Anspannung. Ich bin durchwegs in gelöster Stimmung.


    Wann immer es geht, wähle ich jetzt die längere Variante, wo ich im letzten Jahr den direkten Weg wählte. Ich übernachte gelegentlich an anderen Orten und Albergues. Wie im letzten Jahr brauche ich 31 Tage von St. Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela. Ich bin also den gleichen und gleichzeitig einen anderen Weg gegangen.

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    Es kommen noch die Bilder und ein wenig Text zum Weg. Das sind noch vier Posts

    1. Pyrenäen, Navarra, Rioja
    2. Die Meseta
    3. Berge, Galizien und Santiago de Compostela
    4. Stille Tage am Meer.
    Geändert von Mawal (Gestern um 15:19 Uhr)
    Martin

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