Mein Rentnerleben nimmt langsam Gestalt an. Sparen ist ein großes Thema unter meinen Brüdern im Alter. Auch kann ich nicht mehr in die Apotheke, ohne unaufgefordert gefragt zu werden, ob ich die neue Apothekenzeitung mitnehmen will - ein offenbar sehr begehrtes Giveaway für Menschen meiner Altersklasse, die zu geizig für eine Fernsehzeitung sind. Danach hat mich 58 Jahre lang keine Sau gefragt. Auch werde ich mittlerweile überall gesiezt, selbst unlängst an der hippen Bar in Schäbbisch Gläbbisch*, der großen weiten Welt unweit meines kleinen Dorfes.

Zurück an der Theke im "Weidener Grillstübchen" ist neben dem Verlauf diverser Krankheiten jedes neue Thema willkommen. So erzähle ich von meiner bevorstehenden Reise nach Andalusien und beantworte die Frage nach der Fluggesellschaft wahrheitsgemäß mit "Air Berlin". Sofort greift Janse´ Pitter, der zweiundvierzig Jahre lang beim SV Bechen im Sturm gespielt hat und daher weitgereist ist, greift sofort dankbar den Faden auf und übernimmt meine Beratung. (Nein nein, er hat nicht Europa-League gespielt, aber er ist jedes Jahr "mitte Mannschaff" nach "Malorka" geflogen).

"Do muss op jeden Fall enne platte Karl* mötnämme, Jong. Bei Air Berlin jiddet nix ze frässe un alt jaanix ze suffe* vüür lau!". Und so weiter und so weiter. Wieder eine Stunde Langeweile vorbei. Aber seinen Ratschlag mit dem platten Karl beherzige ich, sehr zum Entsetzen meiner Gabi, die im Flieger versucht, noch tiefer im Sitz zu versinken als beim Start normalerweise üblich. Janse´ Pitter hatte mir zu "Both Dreistern" geraten, der besonders gut mit Flugzeug-Cola käme. Dieser ebenso edle wie preiswerte Tropfen ist nicht mehr zu bekommen, also entscheide ich mich für Asbach.

Nun beschließe ich, mich im Hotel in Benalmadena meinen Mitreisenden, die alle älter sind als ich, anzupassen. Ich will ein würdiger Rentner sein. Aber wenngleich ich überhaupt keinerlei Anstalten dazu mache, verbietet mir Gabi am ersten Morgen sofort, mir Butterbrote vom Frühstück mitzunehmen und kündigt widrigenfalls ihren sofortigen Rückflug an. Offensichtlich beobachtet sie meine Entwicklung mit einiger Sorge

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Heinz und Karin aus Quadrath-Ichendorf hatten wir schon beim Einchecken in Düsseldorf kennen gelernt. Heinz nennt Karin liebevoll "Katinka", Karin ist eher bodenständig und nennt ihren Gatten "Heini".

Heini ist, wie Janse´ Pitter auch, Profi in Sachen Flugreisen. Nach zwei Minuten weiß ich, dass er fast "fuffzich Joor beim RWE" war. Sein Outfit ist stimmig: kariertes Hemd und Hose mit Dauerbügelfalte, nur seine flammneuen Joggingschuhe sind eine Spur zu bunt. Katinka wirkt eher spröde, die bunte Sonnenbrille steckt keck in der zweifarbigen Fleischereifachverkäuferinnen-Frisur. Liebenswerte, aber auch sehr offene Menschen, um das einmal so auszudrücken.

Heini weiß sehr viel von der Welt und hat einen wundervollen Slang, eine Mischung aus Rainer Calmund und dem jungen "Rollex-Ralf" Schumacher vor Beginn seines Sprachunterrichtes. Auch kennt er sich offenbar mit Menschen aus: so beobachtet er, wie ich gleich bei der Ankunft an der Hotelbar den Rest meiner Flugangst mit einem großen kalten Cruzcampo wegspüle. Einen halben Liter auf Ex.

Obwohl er eigentlich auch keinen schlechten Zug hat, fragt er mich gleich: "Äy Lou, bisse uss Jlabbach?*". Die Barfrau, Lucia aus Cádiz, wie ich später erfahre, Ende vierzig vielleicht, nennt er großherzig "Frollein". Kurz: Heini ist ein Mann von Welt.

Meine Hoffnung, im Urlaub von ihm etwas mehr über meinen neuen, letzten Lebensabschnitt lernen zu dürfen, zerstreut sich schnell: meine Gabi ist ein sehr offener, liebenswerter Mensch und seit langen Jahren im Sozialbereich tätig, aber Katinka ist ihr dann doch zu anstrengend. Stattdessen schließt meine geliebte Frau lieber sofort einen kleinen roten Kater, den sie "Hombre" tauft, in ihr großes Herz. Hombre sitzt morgens immer in der Sonne vor dem Hotel und gehört niemandem.

So schleichen wir uns jeden Morgen nach dem Frühstück mit Umwegen am Tisch von Heini und Katinka vorbei und bringen Hombre zwei Scheiben Kochschinken nach draußen. Hombre erscheint mir definitiv zu dünn. Ich bringe am zweiten Tag ein großes Stück guter Butter vom Buffet in einer Kaffetasse mit nach draußen, um ihn aufzupäppeln, weiß ich doch neuerdings von meinen neuen Freunden, dass gute Butter im Krieg fehlte und nur deshalb alle mager und lungenkrank waren. Kategorischer O-Ton Gabi: "Spinnst Du? Du bringst das sofort zurück!" -
Bei aller Liebe zur Kreatur: Gabis Befindlichkeit war mir in dem Moment wichtiger als der gute Hombre.

Pünktlich um zehn kommt dann täglich der Bus zu den täglichen Ausflügen der Rentner nach Granada, Sevilla oder Malaga, dem wir freundlich nachwinken. Zum Mitfahren konnte ich mich dann doch nicht durchringen. Das ist zuviel Input auf einmal, möchte ich doch das Rentnergeschäft langsam erlernen.




Glossar:

Platte Karl = Taschenflasche mit Schnaps, auch >Flachmann
frässe/suffe = ugs. für Essen/Alkohol trinken
Schäbbisch Gläbbisch = Kölsch/verächtlich für >Bergisch Gladbach
Jlabbach = ugs. in MG für >Mönchengladbach