So, es ist vollbracht: Habe eben den letzten Teil der 5 1/2-Stunden-TV-Fassung angeschaut. Wenn, dann empfehle ich auch nur diese längere Fassung und nicht die Kino-Fassung, dazu später mehr.

Zunächst zur Sprachfassung:

Es ist, wie ich oben schon geschrieben habe: Der Film wird sozusagen in "Echt-Sprache" gesprochen, so hört man hauptsächlich Englisch, Französisch, Arabisch und sieht auch viele, auch längere Sequenzen in Deutsch. Die Untertitel sind englisch, leider nicht bei den englischen Passagen, was hilfreich wäre, da Englisch hauptsächlich von Nicht-Native Speakers gesprochen wird und oft schlecht ins Ohr geht. Leider wurde sich bei der Übersetzung wenig Mühe gegeben, um nicht zu sagen, dilettantisch gearbeitet, was bei den deutschen Sequenzen offensichtlich wird: Der ostdeutsche Gesprächspartner bittet zum Beispiel darum, von Anschlägen in der DDR abzusehen, die englischen Untertitel zeigen "western germany".
Ist es anstrengend, den Film so zu sehen? In gewisser Weise schon, wenn man dem Französischen folgt, gleichzeitig die englischen Untertitel liest und es im Kopf auf Deutsch übersetzt, aber gerade das macht einen Teil des Reizes des Films für mich aus. Carlos spricht nun mal all diese Sprachen und es gibt dem Film einen gewissen Hauch von Authentizität - der im Übrigen auch durch Original-Ausschnitte aus Radio- und TV-Nachrichtensendungen erreicht wird.

Was uns zum Film bringt:

Geht man, wie ich, relativ unbeleckt an die Sache ran (anders als zum deutschen Terrorismus weiß ich zu Carlos kaum was zu erzählen) ist gerade der erste Teil etwas verwirrend respektive bleiben viele Fragen offen. Wieso, weshalb, warum? Ich empfehle daher, sich zumindest im Internet einen kurzen Vorab-Überblick zu verschaffen, um wenigstens ansatzweise über die Hintergründe und Beweggründe Carlos' Bescheid zu wissen. Ich habe dies nach Teil 1 nachgeholt, womit dann auch 2 und 3 besser flutschen.
Ziehe ich nun die vielen (sehr guten, nicht zu "sensationsgeilen") Action-Szenen ab, bleiben in der Kinofassung gerade mal eineinhalb Stunden, um auf die Beweggründe, die Geschichte hinter der Story einzugehen, was definitiv zu wenig ist. Ich befürchte zwar kein weiteres Nullum à la Spielbergs "München", nach dem ich mich gefragt habe, warum ich mir diesen Action-Quatsch nun drei Stunden lang angetan habe, aber das, was den Film ausmacht, dürfte doch in erheblichem Maße auf der Strecke bleiben.

Die Schauspieler sind durch die Bank gut bis großartig (auch hier macht die Vielsprachigkeit des Films Laune). Die chronologische Erzählung wird untermalt mit passender, meist zeitgenauer Filmmusik, wie die Ausstattung (so weit ich das beurteilen kann) überhaupt großartig ist: Mode, Autos, Technik allgemein, auch Getränke etc. passen perfekt zur abgebildeten Zeit - wunderbar anzuschauen. Um Gesprächs- und Verhandlungspartner, Terroristen, Potentaten und Politiker vorzustellen gibt es kurze Namens- und Funktionseinblendungen, was sehr hilfreich ist.

Muss man den Film gesehen haben? Nein. Interessiert man sich für neuere Geschichte ist er mit Sicherheit sehenswert. Wer nur einen guten Actionfilm sehen will ist mit "München" besser bedient (dies nur, weil oben schon mal genannt und von mir als abschreckendes Beispiel in Erinnerung, was man aus Geschichte machen kann), kommt aber auch hier durch die guten Schauspieler und wunderbare Bilder auf seine Kosten.

Beste Grüße,
Kurt