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...beyond off topic

Warum der Kauf einer Rolex nicht glücklich macht....und warum wir es immer wieder tun

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So ziemlich jedes Member kennt die Situation...man blickt auf eine wohlgefüllte Uhrenbox....noch vor wenigen Jahren hätte man für den Inhalt gemordet, heute langweilt er eher....

...aber die "grail oder sonst was" watch, die man nicht besitzt, diese würde man so gerne besitzen...dann, ja dann wäre man glücklich...oder zumindest zufrieden...

...ist die "grail watch" einmal erlegt und der Uhrenbox einverleibt, beginnt sie die gleiche blasierte Langeweile auszulösen, wie die anderen Uhren....als ob sie sich angesteckt habe...

und obwohl das Ergebnis doch vorhersehbar ist, durchläuft fast jedes Member diesen Zyklus viele Male.

Warum? Warum Zeit und Geld für eine Uhr aufwenden, die am Ende doch eher langweilt?

....weil wir das Kauf- und Besitzerlebnis systematisch falsch einschätzen...

weil wir uns selbst betrügen...let me explain:

Nehmen wir an, ihr seid Fusbball-Fans. "Euer" Verein könnte die Meisterschaft gewinnen. Pokalspiel in zwei Wochen.

Gefragt wie glücklich ihr sein werdet, wenn euer Verein den Pokal holt, antwortet ihr auf einer Skala von 1-10 mit 9

Nun ist das Pokalspiel. Euer Verein holt den Pokal. Ihr werdet gefragt wie glücklich ihr seid. Ihr antwortet mit 4 von der Skala von 1-10). Warum?

Klar eure Truppe hat den Pokal....aber euer Leben hat sich eben auch kaum verändert. Pokal hin oder her. Bankkonto überzogen, weiter Streit mit der Frau / Freundin und der Chef oder die Kunden nerven immer noch. Und eure Karre muss morgen auch noch zum TüV.

Der Sieg verändert euer Leben leider kaum. Entsprechend moderat euer Glücksempfinden.

Nach zwei Wochen sieht die Sache anders. Ihr habt tausendfach mit euren Kumpels den Sieg diskutiert und nachgespielt...ja wie glücklich ward ihr als euer euer Verein den Titel holte? Aber hallo! Das war eine klare 9 auf der Skala 1-10.


Kurze Zusammenfassung, das ist wichtig!

Eure erwartetes Glück auf den Pokalsieg in der Zukunft: 9
Tatsächliches Glück bei Pokalsieg: 4
Erinnertes Glück an den Pokalsieg der Vergangenheit: 9

Das habe ich mir nicht ausgedacht. Das ist ein solide belegter empirischer Zusammenhang.

Was heisst das?

1. Wir überschätzen das Glück, was ein zukünftiges Ereignis bringt.

2. Auch unsere Erinnerung überschätzt das Glück, welches ein Ereignis gebracht hat.

Der Pokalsieg sollte uns extrem glücklich machen, so erwarten wir das und so erinnern wir es dann später auch. Nur die konkrete Situation erleben wir ganz anders. Nämlich weit weniger aufregend und beglückend.

Der Uhrenkauf soll uns glücklich machen. Der letzte Kauf, was waren wir glücklich! Und deshalb: Wo ist die grail?

Allein das stimmt alles nicht. Tatsächlich täuschen und belügen wir uns. Einzelne Ereignisse, auch gravierende, bestimmen unser Leben weit weniger als wir es erwarten und als wir es erinnern.

Das wirklich spannende ist, wir fälschen im Nachgang unsere Erinnerung. Unsere Erinnerungen sind nicht neutrale Aufzeichnungen der Vergangenheit. Sie verändern sich über die Zeit. Mit der Zeit erinnern wir uns an ein Glück über den Pokalsieg oder Uhrenkauf, dass wir so nie erlebt haben.

Und dies in Kombination mit einer überhöhten Erwartung führt dazu, dass wir Uhren kaufen...wieder und wieder und wieder...in der Erwartung und in der Erinnerung eines kicks, den es nur in unserer Phantasie gibt, den wir nie erlebt haben und nie erleben werden.


Krass, oder?

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Aktualisiert: 25.04.2011 um 15:17 von Mawal

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Kommentare

  1. Avatar von love_my_EXII
    schöner Beitrag. Wahre Zufriedenheit kommt immer noch von innen

    Gruß,
    Oliver
  2. Avatar von Doktor Krone
    Hey Ulrich. Auch mal wieder über den schönen "geplante Obsoleszenz"-Artikel gestolpert und ins Grübeln gekommen? Ich beobachte diese Verhaltensweise schon sehr lange an mir selbst, habe sie mit Sicherheit von meinem Vater übernommen. Uhrenkäufe übersteigen meinen finanziellen Horizont, meine kurzfristigen Glücks-Käufe sind regelmäßig daher

    - gutes Werkzeug
    - CDs
    - selten Elektronik-Gadgets
    - ca. 1 x pro Jahr ein gutes schönes Klappmesser (nicht High End, aber auch nicht Victorinox ...)

    Da schaue ich dann immer mal wieder in die Werkstatt / die Messervitrine / die Technik-Schublade / das CD-Regal und frage mich, wie es ohne all diese Dinge wäre. Unglücklich? Weniger zufrieden? Keine Ahnung. Aber auch irgendwie egal, solange noch genug Knete für die Erhaltung des derzeitigen Lebensstandards vorhanden ist, oder? Also weiter kaufen (ganz im Ernst), aber mit Augenmaß. Oder eben ins Kloster gehen, hat auch was ...
  3. Avatar von eos
    Ja, das mit dem fälschen von Erinnerungen, da habe ich auch schon einschlägige Erfahrungen:
    - Bundeswehr (hängen bleiben nur die coolen Sachen, 13 Monate Unsinn verschwinden irgendwie)
    - Safari in Kenia (viel zu anstrengend für eine Hochzeitsreise, heute schwärmen wir davon)
    - Kinder im Säuglingsalter (alle erzählen Dir die Zeit ist toll, du sollst sie genießen - was ist an 2,5h Schlaf am Stück toll?)

    Reisen soll übrigens sehr glücklich machen und vor allem für ein nachhaltiges Glücksgefühl sorgen. Während neue, schnelle Autos irgendwann alt und kaputt sind, bleiben Erinnerungen an Reisen sehr präsent.
  4. Avatar von Mawal
    Das ist das, was mich wirklich verblüfft hat. Erinnerungen sind nicht akkurat. Erinnerungen sind extrem selektiv, und sie verändern sich über die Zeit.

    Und das ist dann auch der Grund, warum Erinnerungen (gerne auch Erfahrung genannt) ein eher unzuverlässiger und bisweilen gar schlechter Ratgeber sind.
  5. Avatar von Mawal
    Kaufen und Konsum ist nichts Schlechtes: Ich frage mich immer, wie verändert das dein tägliches Erleben.

    Ich bin ziemlich viel online, dafür habe ich auch einiges an Geld für Technik ausgegeben. Klar, in drei Jahren ist der Schamott nix mehr wert, egal, jetzt macht er mir Freude.

    und was gibt es anderes als jetzt?
  6. Avatar von Marci
    genau ulrich......hier jetzt und heute........
    habe vorhin bei einem gitarrenriff gesabert......das nenn ich glück........
  7. Avatar von jagdriver
    Dieser Artikel der SZ passt wie die Faust aufs Auge:

    Der Mensch bunkert viele Dinge aus Angst vor Notlagen. 10.000 Gegenstände häuft ein Durchschnittseuropäer an. Doch blinder Besitzwahn kann zur seelischen Belastung werden - und das Sexleben beeinträchtigen

    http://www.sueddeutsche.de/leben/mod...wird-1.1089089

    Gruß
    Robby
  8. Avatar von GeorgB
    Ich sag immer: "Wenn sich ein Depp einen Porsche kauft, dann ist das ein Depp mit einem Porsche. Wenn sich eine coole Sau einen Porsche kauft, dann ist das eine coole Sau mit einem Porsche."

    Man kann sich nicht mit irgendwelchen Luxus-Einkäufen mental upgraden.
  9. Avatar von orange
    Manchmal ist das Abweichen der Erinnerung vom tatsächlich Erlebten sehr wichtig, ja sogar überlebenswichtig.... Keine Frau würde sonst je ein zweites Kind bekommen....
  10. Avatar von eos
    So ist es Flo, hab' es ja gerade selbst erlebt.
    Heute sage ich: Um Gottes Willen kein zweites Kind. So viele Sorgen, so viele Ängste, Schmerzen, Verlust der Unabhängigkeit, kein Schlaf ... aber frag' mich mal in einem halben Jahr oder in zwei Jahren ...
    Das biologische Programm ist da wirklich extrem ausgefeilt.
  11. Avatar von Kiki Lamour
    Für mich bedeutet Glück u.a. nichts oder wenig zu besitzen. Klingt jetzt auf dem ersten Blick merkwürdig, bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger, dass man materielle Dinge nicht aufhebt. zB habe ich zwar einen Keller, dort steht aber nichts drin. Kaufe ich mir neue Kleidung, fliegt gleichzeitig die gleiche Menge aus dem Schrank. Generell steht in den Schränken nur das nötigste (Putzschrank, Werkzeugschrank, Vorratsschrank).
    Irgendwann hatte ich mal von dem Satz "Besitz belastet" gehört, glaub sogar hier im Forum. Genau das meine ich, natürlich geringfügig abgewandelt, denn NICHTS zu besitzen fiele mir schwer.

    Und wenn jetzt einer sagt: Ja, aber der KIKI hat doch 100te von Uhren gehabt, 40 Autos usw. Ja, stimmt alles. Mittlerweile gibts ab und zu mal ne Rolex, wenn der Spleen mich packt. Autos sind halt Hobby, kann aber (kein Witz) gut drauf verzichten. Ob ich jetzt dadurch so viel glücklicher bin, keine Ahnung. Zumindest befreit es ein Stück. Es ist mir wichtiger unabhängiger von Dingen zu sein, ein bissel mehr Freiheit. Knechten muss ich den ganzen Tag schon genug.

    Also, leert eure Keller - es befreit!!
  12. Avatar von RBLU
    Ich finde Erinnerungen extrem wichtig: Wenn wir eines Tages alle im Altersheim sitzen, dann sind die Erinnerungen das einzige was bleibt.

    Retroperspektiv macht ein Pokalsieg selbst nicht gluecklich!
    Eher der Weg zum Pokalsieg, wie Hardships, Obstacles, Training, Team etc...

    Aehnlich eine Befoerderung oder ein Studium: Es ist die Reise zum Ziel, die in der Erinnerung bleibt...

    Gruss,
    Bernhard
  13. Avatar von Mawal
    Mir geht das ähnlich wie Kiki, je älter ich werde, um so weniger besitze ich.

    Ich habe so ein paar Regeln:

    - Kommt was Neues, muss was Altes gehen.
    - Einmal im Jahr sehe ich alles durch, was weg kann. Klamotten, Unterlagen, Bücher DVDs
    - Keller wird einmal im Jahr entrümpelt.

    Auch für die Kids gilt: Neues Spielzeug nur, wenn altes Spielzeug entsorgt oder zumindest in den Keller entsorgt wird.
  14. Avatar von GeorgB
    So isses!

    Mir hat mal jemand den ultimativen Tipp zum Entrümpeln gegeben:

    Frage dich, "ob du das betreffende Teil nochmal kaufen würdest, wenn es defekt oder geklaut wäre".
  15. Avatar von MacLeon
    Sehr schöner Beitrag, Ulrich. Ich finde es sehr beruhigend, dass unser Gehirn unsere Erinnerungen auf erträglich und schön trimmt. Anders wäre man arm dran.

    Mein Hausstand ist auch relativ überschaubar, eine Folge von etwa acht Umzügen seit Studienbeginn, und ich empfinde dies als sehr angenehm. Ich versuche auch, Kompensationskäufe zu vermeiden, die mich für meinen Stress belohnen sollen. Klappt in der Regel ganz gut. Wenn ich aber etwas kaufe, achte ich auf Qualität. Unter anderem, damit ich nicht ständig etwas Neues kaufen muss.

    Auf der anderen Seite ist Konsum der Motor unserer Wirtschaft. Wer sein Geld bunkert, handelt also nicht sozial. Um Karl Lagerfeld zu zitieren: "Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt".
  16. Avatar von ehemaliges mitglied
    Ulrich, ein phantastischer Beitrag. Ich habe mich das schon oft gefragt und der von der geschilderte Ansatz ist ueberaus interessant.

    Bei mir wurden die Flippereizyklen fast schon inflationär und interessanterweise sind es 2 Uhren, welche ich am liebsten mag, eine davon besitze ich weiterhin - es sind Uhren, die mit besonderen Anlässen (interessanterweise jeweils wundervolle Urlaube mit Familie) verknüpft sind, obwohl das nicht geplant war, im Gegensatz z.B. zur allerersten Rolex, oder die Rolex zur Geburt des 1. Kindes...
  17. Avatar von ein michael
    Hallo Ulrich,
    auch wenn dein Blog nun fast 3 Jahre alt ist, finde ich den Beitrag klasse und auch alle Kommentare anregend. Befinde mich selbst gerade in einer Phase, in der ich zu Hause mal richtig aufräumen möchte. Tja nur wohne ich eben nicht alleine hier, sondern mit meiner Schwiegermama, Frau und 2 Kindern.
    Nachdem mein Schwiegervater im Dezember verstorben ist, habe ich angefangen mal die Regalmeter Ordner zu sichten (Zt. 30 Jahre alte Unterlagen). Insgesamt dabei festgestellt, was meine Schwiegereltern - und der Mensch allgemein - doch alles aufhebt, in Schränken, Kellern, Garagen oder wo auch immer wird so viel gelagert, von dem sich schwer getrennt wird, gleichwohl ganz viel davon nicht genutzt wird.
    Klar, ich selbst bin auch nicht frei von einer gewissen kann-ich-noch-gebrauchen-Einstellung, wieviele Jahre habe ich alle selbst aufgenommenen Cassetten im Keller gelagert, obwohl kein Tape Deck an der Anlage angeschlossen war, bis ich alles weggeschmissen habe. Auch die Einstellung einiger hier im Sinne ein neues Hemd, ein altes geht, schaffe ich nicht immer umzusetzen.
    Nicht genutzte Dinge meiner Mitbewohner entsorge ich dagegen problemlos...
    Also werde ich eure Anregungen als Vorsatz nehmen und mehr entsorgen ( und/oder gezielter Kaufen).
    Danke für den Gedankenanstoß

    Michael
  18. Avatar von Mawal
    danke dir...
  19. Avatar von uhrenmaho
    Ulrich, der letzte Absatz in Deinem Kommentar ist schon Spitzenklasse.
    Habe meiner Frau schon 100 x versprochen, "dass ist die letzte" und
    muss zu meiner Schande gestehen, dass ich kein einziges Versprechen
    gehalten habe. Man ist nachher soweit, dass man in Gefahr gerät, den
    Überblick zu verlieren.
    Das einzige Gute momentan bei mir ist, dass die Zeiträume von Ver- und
    Neukauf immer länger werden. Ich bin heute in einem Alter, wo an erster
    Stelle die Gesundheit steht, und danach kommt lange nichts mehr.

    LG Manfred

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